CR vom 02.11.2012, Heft 11 , Seite 10

Der PC hat ausgedient

Schäfer, Dirk

PCs gelten als Effizienzwunder. In Wahrheit sind sie alles andere als das. Legt man den Anspruch der Nachhaltigkeit an, ist es mit der Effizienz nicht weit her. Danach ist ein Produkt dann nachhaltig, wenn es während seiner Lebensdauer mindestens ebenso viel an Material und Ressourcen einspart, wie zu seiner Herstellung benötigt wurden. Ein PC samt Monitor verschlingt in der Herstellung rund 2.800 Kilowattstunden an Strom, so Zahlen des Bundesumweltamtes. Selbst stromsparende Geräte können das nicht wieder ausgleichen. Zudem sind PCs echte Materialfresser. Im Schnitt acht Kilogramm an Blechen und Plastik, auch wertvolle Stoffe wie Gold oder Kupfer sind nötig. Werden die Rechner verschrottet, geht vieles davon unwiederbringlich verloren. Dem Recycling von Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) bescheinigt das Umweltbundesamt ein Ungenügend. "Der Rohstoffeinsatz für IKT-Produkte muss absolut gesenkt werden. Wir brauchen Produkte, die länger genutzt werden, mit mehr Wiederverwendung und besseren Verwertungsverfahren", fordert Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes. Haben die Hersteller unter dem Schlagwort "Green IT" zunächst den Stromverbrauch der Geräte während der Nutzung in den Fokus genommen, spielt der ökologische Rucksack der Produkte, sprich der Energie- und Ressourcenverbrauch von der Herstellung bis zur Entsorgung, erst seit Kurzem eine Rolle. Greenpeace bewertet diese Anstrengungen jährlich mit dem Ranking "Grüne Elektronik". Zuletzt lag von 15 teilnehmenden Firmen Hewlett Packard an der Spitze, danach folgten Dell und Nokia. An letzter Stelle rangierte Blackberry-Hersteller RIM. Selbst HP aber attestiert Greenpeace mit erreichten 5,9 von 10 Punkten reichlich Luft nach oben.
Ökologischen Rucksack verkleinern
Beim Kunden kommt von den Bemühungen nach wie vor in erster Linie ein geringerer Stromverbrauch an. Bei Einkäufern sind "grüne" Computerprodukte daher seit Längerem en vogue. Saugen herkömmliche Office-PCs im Schnitt jährlich 200 Kilowattstunden Strom aus der Steckdose, kommen sparsame Versionen mit weniger als der Hälfte aus. Entsprechend sinkt die Stromrechnung. Unter der Prämisse der Nachhaltigkeit aber müssten stromsparende PCs mehrere Jahrzehnte genutzt werden, um den Strombedarf ihrer Herstellung auszugleichen. Üblicherweise jedoch wird die Technik nach drei bis fünf Jahren ausgetauscht. Es gibt Alternativen zum PC, deren ökologischer Rucksack kleiner ist und die obendrein günstiger sind: Thin Clients, Mini-PCs und Notebooks. So liegt der Stromaufwand zur Herstellung der Geräte mit rund 1.200 Kilowattstunden wesentlich niedriger als bei vollausgestatteten Arbeitsplatz-Rechnern, hat das Borderstep Institut für das Projekt "Material- und Ressourcenschonung" (MaRess) des Bundesumweltministeriums ermittelt. Und während der Materialeinsatz bei PCs acht Kilogramm beträgt, sind es bei den anderen Geräteklassen um die zwei Kilogramm. Bei den Stromkosten sind sie ebenfalls sparsamer: Mini-PCs verbrauchen rund 70, Notebooks etwa 60 und Thin Clients um die 40 Kilowattstunden Strom pro Jahr. In der Gesamtbilanz liegen Mini PCs und Notebooks noch etwas vor den Thin Clients, denn Letztere benötigen mehr Server-Ressourcen. Absehbar jedoch werde sich die Bilanz deutlich zugunsten der Thin Clients verschieben, prognostiziert das Borderstep Institut, denn die Energieeffizienz von Servern und Rechenzentren steige immens. Hinzu kommt, dass die durchschnittliche Nutzungsdauer von Thin Clients mit acht Jahren deutlich höher liegt als bei allen anderen Geräten. Bei den Anschaffungs- und Betriebskosten sind PCs etwas günstiger als Notebooks. Mini-PCs und Thin Clients schlagen PCs auch in diesem Punkt deutlich.
Übliche Beschaffungsleitfäden für Computerprodukte nehmen auf den ökologischen Rucksack bislang keine Rücksicht. Lediglich die Vorgaben des Energy Star sind vermerkt. Effiziente Netzteile und einen niedrigen Stromverbrauch im Standby-Betrieb verlangt der Gesetzgeber jedoch ohnehin. Umweltsiegel wie der Blaue Engel könnten für Einkäufer eine zusätzliche Hilfe sein. Unlängst wurde der Blaue Engel um Kriterien zur Material- und Ressourceneffizienz erweitert. "Bislang jedoch hat kein Hersteller ein Gerät nach den neuen Kriterien zertifizieren lassen", sagt Andreas Manhart, Experte für Umweltstandards beim Öko-Institut. Es gibt Zertifizierungen nach den alten Kriterien, die jedoch betreffen vor allem Drucker. "Bei anderen Computerprodukten hat sich der Blaue Engel nie durchsetzen können", erläutert Manhart.
Über den großen Teich geschwappt ist vor kurzem das US-Umweltsiegel Electronic Product Environmental Assessment Tool (EPEAT). Das 2001 vom US-Umweltamt ins Leben gerufene Siegel schickt sich an, weltweit Standard zu werden. Rund 3.000 Produkte von 50 Herstellern tragen es. In den USA hat sich EPEAT zu dem Umweltsiegel für Elektronik schlechthin entwickelt. US-Bundesbehörden sind gar verpflichtet, bei IT-Anschaffungen zu 95 Prozent Geräte mit EPEAT-Siegel zu kaufen.
Auch EPEAT berücksichtigt jedoch Material- und Ressourceneffizienz nur im Ansatz. Insgesamt gibt das Siegel 51 Kriterien vor wie Lebensdauer, Energieeffizienz, Verwendung giftiger Materialien oder Recyclingfähigkeit von Komponenten und Verpackungen. Berücksichtigt sind auch die Vorgaben des Energy Star, die Umweltnorm ISO-14021 und die EG-Richtlinie zur Beschränkung der Verwendung bestimmter gefährlicher Stoffe "Restriction of the use of certain hazardous substances" (RoHS). Sind von den insgesamt 51 Kriterien 23 erfüllt, erhält ein Produkt den Bronze-Status. Für den Silber-Status müssen 26 Kriterien erfüllt sein, für den Gold-Status 38. Anders als beim Blauen Engel werden die Angaben der Hersteller, um das EPEAT-Siegel zu erhalten, nur stichprobenartig kontrolliert. "Man verlässt sich darauf, dass die Hersteller keinen Skandal provozieren wollen", erläutert Experte Andreas Manhart.
Lebenszeit verlängern
Drastisch verkleinern lässt sich der ökologische Rucksack eines Computerprodukts indes auf ganz anderem Weg: "Wirklich nachhaltig wird es, wenn Computer lange genutzt werden", sagt Stefan Ebelt, Vorsitzender des Berliner Vereines ReUse-Computer. Der Zusammenschluss aus Experten und Händlern, die gebrauchte Hardware vertreiben und zum Thema beraten, hat sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben. Gebrauchte Computerprodukte kommen dem Ziel sehr nahe, denn je länger ihre Lebenszeit ist, desto mehr können die Produkte ihren Herstellungsaufwand rechtfertigen. "Geräte aus dem Business-Bereich sind qualitativ so hochwertig, dass sie sich ohne hohe Fehlerquote leicht sechs oder mehr Jahre nutzen lassen", sagt Stefan Ebelt. Selbst ein Einsatz von acht oder zehn Jahren sei nicht selten. Um die Qualität zu gewährleisten, hat ReUse ein Prüfsiegel entwickelt. Für die meisten Standard-Büroanwendungen reiche gebrauchte Hardware aus, befindet Ebelt. "Die Leistungsunterschiede zwischen neuen und älteren Geräten sind in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft." Auf Energieeffizienz muss man nicht verzichten, denn auch ausgemusterte Stromspar-Rechner sind zu haben. Ebenfalls ein guter Weg sei, ältere PCs aufzurüsten. "Bei Marken-Geräten ist das in der Regel ohne großen Aufwand machbar", sagt Stefan Ebelt. Software-Anbieter ziehen hier mit. So hat etwa Microsoft für aufgerüstete Computer eine spezielle Refurbished-Version von Windows 7 im Angebot. Die unterscheidet sich in den Funktionen nicht von anderen Versionen. Im Preis aber ist sie weit günstiger.
Dirk Schäfer

Green Office Computing Weniger Desktop-PCs
Von insgesamt 26,5 Millionen Computern in deutschen Büros sind 13 Millionen Desktop-PCs, ermittelte das Projekt "Material und Ressourcenschonung" (MaRess) des Bundesumweltministeriums. Damit erreichen diese ausgewachsenen, stationären Computer einen Anteil von knapp über 49 Prozent. Mini-PCs machen 1,1 Prozent aus, Notebooks 41,5 und Thin-Clients 8,3 Prozent. Insgesamt verbrauchten alle Geräte im Jahr 2010 3,9 Terawattstunden Strom. Das entspricht ungefähr der Leistung eines kleinen Atomkraftwerks. Die Herstellungsenergie beträgt 9,3 Terawattstunden. Mit der Kampagne "Green Office Computing" von Bundesumweltministerium, Bitkom und anderen Institutionen soll der Anteil der PCs bis zum Jahr 2020 auf 15 Prozent sinken. Mini-PCs sollen dann rund 12 Prozent ausmachen, Laptops 49 und Thin-Clients 24 Prozent. Auf diesem Weg will man den Stromverbrauch der Herstellung und der Nutzung nahezu halbieren, der Materialverbrauch würde ebenfalls deutlich reduziert.

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