CR vom 02.11.2012, Heft 11 , Seite 58

Perspektivenwechsel in der Medizin

Spitzbart, Michael

Manchmal lohnt es sich, von eingetretenen Pfaden abzuweichen, um das Leben aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten. Viel zu häufig stagnieren wir, weil wir im immer gleichen Trott stecken und immer aus der gleichen Perspektive das Leben betrachten. Wissen Sie, was die größte Entdeckung der Mondfahrt war? Die Schönheit der Erde! Die Astronauten konnten sich nicht satt sehen am blauen Planeten. Die Bilder, die aus dem Weltall von der Erde geschossen wurden, faszinierten die Menschheit. Noch jahrelang waren diese Aufnahmen die meistverkauften Poster überhaupt. Viele der Astronauten engagierten sich anschließend im Umweltschutz, um die Schönheit der Erde zu erhalten. Sie mussten also erst zum Mond fliegen, um die Erde zu entdecken.
Perspektivenwechsel lohnt sich auch im täglichen Leben. Einstein sagte: "Man kann Probleme nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen, durch die sie entstanden sind." Wer im Trott verharrt, tritt auf der Stelle. Auch medizinisch lohnt es sich, einmal die Perspektive zu wechseln. Mein größter Vorwurf an die etablierte Medizin ist, dass viel zu häufig das Symptom und nur selten die Ursache behandelt wird. Ist der Blutdruck zu hoch, dann gibt es Tabletten. Die natürlichen Blutdrucksenker wie abnehmen, weniger Salz essen und mehr Bewegung werden nur selten angesprochen. Ist der Blutzucker zu hoch? Kein Problem. Hier kann man ja Insulin spritzen. Keine Kohlenhydrate essen und Ausdauerbewegung wird nur von wenigen aufgeweckten Medizinern empfohlen. Depressionen und Burnout-Syndrom - auch dagegen gibt es ja Tabletten. Dass effektive Entspannung und leichte Ausdauerbewegung so manche Psychopharmaka ersetzen können, scheint sich noch nicht herumgesprochen zu haben. Die Medizin suggeriert: "Leben Sie ruhig so falsch weiter wie zuvor, und gegen die Symptome gibt es dann Tabletten". Dabei sterben mittlerweile fünfmal mehr Menschen an den Nebenwirkungen von Medikamenten als im Straßenverkehr! Eine persönliche Entdeckung sowohl in der Gesunderhaltung als auch in der Therapie von Krankheiten sind die essenziellen Eiweißbausteine (Aminosäuren). Diese messe ich bei all meinen Patienten - und da lerne und staune ich jeden Tag aufs Neue. Das ist so wie bei der Mondfahrt: Anstatt nach immer neuen chemischen Substanzen zu suchen, sollten wir uns auf die Heilmittel besinnen, die schon da sind. Alles was lebt besteht neben dem Wasser aus Aminosäuren. Und hier steckt oft die Lösung des Problems. Soeben berichtet mir ein Patient stolz, dass er nun keinen Beta-Blocker mehr braucht. Seinen Bluthochdruck haben wir neben vermehrter Bewegung und Ernährungsumstellung erfolgreich mit dem natürlichen Eiweißbaustein Arginin behandelt. Hier war zuvor durch unsere Blutuntersuchung ein Mangel aufgefallen. Arginin in richtiger Dosierung entspannt die Blutgefäße und senkt dadurch den Blutdruck auf natürliche Art und Weise - und das ganz ohne Nebenwirkungen.
Aus den essenziellen gehirnaktiven Eiweißbausteinen Phenylalanin und Tryptophan bildet der Körper im Gehirn die Antriebs- und Glückshormone Dopamin, Noradrenalin und Serotonin. Ein Mangel führt zwangsläufig zu Depressionen und Antriebsschwäche. Und diese Defizite sind viel häufiger als geahnt. Nur ohne Messung wird man das nie herausfinden. Dagegen gehören Psychopharmaka mittlerweile zu den am häufigsten verordneten Medikamenten überhaupt. Können Sie sich vorstellen, wie viele Milliarden wir sparen würden, wenn wir die Menschen mit den natürlichen Aminosäuren behandeln würden, aus denen der Körper diese Hormone dann wieder selbst produziert? Biochemisch sind diese Zusammenhänge längst bewiesen. Angewandt wird dieses Wissen aber noch viel zu selten.
Soeben lese ich eine Studie von Professor Fang von der Universität New York. Der essenzielle Eiweißbaustein Methionin schützt uns vor der Entstehung gefährlicher Krebszellen. Darum wird Methionin auch "das Penicillin des Genoms" genannt. Bei sinkenden Spiegeln im Blut sind die Selbstheilungskräfte des Körpers erschöpft. Vielleicht ahnen Sie, was das für jeden Einzelnen von uns bedeutet. Für mich jedenfalls ist das ein Frühwarnsystem, was auch schon vielen meiner Patienten zu einer rechtzeitigen Therapie verholfen hat. Eines haben diese Aminosäuren alle gemeinsam: Sie sind essenziell. Das heißt, sie müssen wie ein Vitamin von außen zugeführt werden. Defizite können auf Störungen im Körper hindeuten oder spezifische Symptome auslösen, die nach der Messung und gezielten Substitution auf wundersame Weise verschwinden. Das ist für mich die Medizin der Neuzeit.
Dr. Michael Spitzbart

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