CR vom 03.12.2012, Heft 12 , Seite 8

Reif für die Insel?

Stippel, Peter

Das Geschäftsjahr geht zu Ende. Wie ist es gelaufen? Gräfin Bernadotte: Wir liegen im Plan und rechnen damit, dass wir wieder 1,2 Millionen Besucher haben werden. Auch Umsatz und Gewinn bewegen sich auf dem Niveau des Vorjahres.
Also rund 24 Millionen Euro Umsatz und fünf Millionen Euro EBITDA?
Gräfin Bernadotte: So in etwa.
Sind die Wachstumsreserven der Insel damit ausgeschöpft? Gräfin Bernadotte:
Nein. Es gibt noch Potenziale. Denn der Pro-Kopf-Umsatz und die Aufenthaltsdauer sind steigerungsfähig. Wenn wir dem Gast zum Beispiel weitere Impulse geben, dann wird er vielleicht noch eine Tasse Kaffee trinken oder sich die Zeit nehmen, in einem Buch zu schmökern, das er hinterher kauft. Wichtig sind auch die Aktivitäten im gesamten Bodenseeraum, vor allem die Saisonverlängerung. Solange die Region ab Oktober einen Gästerückgang hinnehmen muss, solange werden auch wir nichts dagegen tun können.
Graf Bernadotte: Meine Schwester engagiert sich deshalb in der Internationalen Bodensee Tourismus GmbH. Denn schon unsere Eltern waren der Überzeugung, dass die Marke Mainau ein Teil der Marke Bodensee ist. Wir sind zwar ein starker Partner in der Region, aber letztlich - es geht um den Bodensee.
Mit dem Erfolg kommen die Investoren. Befürchten Sie nicht, dass der Wettbewerbsdruck dann zu sehr steigt?
Gräfin Bernadotte: Wichtig ist zunächst, dass mehr Gäste kommen. Wichtig ist außerdem, dass wir gemeinsam Ideen entwickeln, auch Ideen, die unseren Markenkern - die "grüne Kompetenz" - stärken. Es gibt zum Beispiel eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Thema "Gärten am See" befasst. Und was den Wettbewerb betrifft: Am Bodensee werden viele unterschiedliche Interessen bedient, so dass die Konkurrenz gar nicht so hart ist.
Welche Gäste kommen denn an den Bodensee und auf die Mainau?
Gräfin Bernadotte: Der Bodensee zieht Menschen an, die sich für Natur und Kultur interessieren. Es ist eine gehobene Klientel, verstärkt auch aus dem Ausland. Die Besucher der Mainau sind die Altersgruppe 50plus und Familien mit Kindern bis 10 Jahren.
Die 20- und 30-Jährigen gehen also woanders hin?
Graf Bernadotte: Bis jetzt ja. Aber im nächsten Jahr kommt unser Erlebniswald. Wir gehen dann aufs Festland und verwirklichen auf 1,6 Hektar unseres Waldes ein Konzept, das die Themen "Naturerziehung", "Ökologie" und "Lebensraum Wald" mit Spaß, Spannung und Action verbindet. Es gibt also Kletterparcours und Baumhäuser. Wir machen das vor allem für die Gruppe der 15- bis 25-Jährigen und diejenigen, die mit ihren Eltern oder Großeltern die Mainau besuchen. Die sind für die Blumenschau zu jung und für den Spielplatz zu alt.
Für das Projekt haben Sie eine Betreiber-GmbH gegründet und einen Partner mit ins Boot genommen. Ist das neu in der Geschichte der Mainau?
Graf Bernadotte: Ja, das ist neu. Wir müssen in Zukunft Kompetenzen zukaufen. Auf der Insel sind wir stark. Wir verstehen viel von Blumen, Bäumen, Gastronomie, Souvenirs und auch von Events, aber mit einem Kletterwald haben wir wenig Erfahrung.
Ist das auch der Einstieg in mehr Wachstum: die Mainau als Lizenzmarke für Obstbrände, Tees, Kräuter, Apfelsaft, Blumenzwiebeln?
Gräfin Bernadotte: Wir wissen, dass unsere Gäste gern Produkte von der Mainau und aus der Region mitnehmen. Wir wissen auch, dass Pflanzen ein großes Thema sind. Für all diese Geschäfte haben wir bereits eine Grundlage, zum Beispiel Produkte, die wir nicht selbst herstellen, die wir aber mit der Marke Mainau versehen, oder Betriebe, die uns mit teils exklusiven Pflanzen beliefern und unserer Qualitätskontrolle unterliegen. Diese Geschäfte würden wir gern ausbauen, haben aber die Erfahrung gemacht, dass man sich die Partner sehr gut aussuchen muss. Weil das nicht so leicht ist, wollen wir uns zunächst in der grünen Kompetenz aktiver aufstellen - Stichwort Erlebniswald - und wir wollen uns vom Wetter unabhängiger machen. Deshalb bauen wir den Comturey-Keller unterhalb des Schlosses neu. Dieses Angebot richtet sich an alle, die auf der Insel feiern wollen, egal ob Familien- oder Firmenfeiern oder Hochzeiten.
Graf Bernadotte: Eine Idee, die überall funktionieren könnte, ist auch die "Grüne Schule Mainau" und der Verein "Gärtnern für Alle". Wir bereiten da unter anderem lernschwache junge Menschen auf das Arbeitsleben vor. Sie finden bei uns Tätigkeiten im gärtnerischen Bereich und im Café Vergissmeinnicht. Dafür braucht man aber Menschen, die sich persönlich einsetzen. Hier auf der Insel engagiert sich meine Frau, Gräfin Sandra, für die Sache. Das Projekt ist ihr auf den Leib geschneidert, weil sie - wie ich auch - Sozialpädagogik studiert hat.
Ideelle Projekte sind ein wichtiger Teil der Mainau-Philosophie. Ihr Vater hat das Vermögen schließlich in eine gemeinnützige Stiftung eingebracht. Engt das Ihren unternehmerischen Spielraum eigentlich sehr ein?
Graf Bernadotte: Nein, da der Gesellschafter, das heißt die Lennart-Bernadotte-Stiftung, und die Mainau GmbH eine gleichgerichtete Sicht haben. So war zum Beispiel das Ökosystem Wald auch für die Stiftung interessant, und sie hat die GmbH im Projekt Erlebniswald sehr unterstützt.
Aber wie weit können Sie gehen? Würden zum Beispiel Biooder Gentechnologie auch zur grünen Kompetenz passen?
Graf Bernadotte: In der Satzung steht, dass wir die Wissenschaften fördern sollen. Die Frage ist daher nicht, ob es die Stiftung hergibt, sondern ob es unseren Vorstellungen entspricht. Das wäre in diesem Fall nicht gegeben.
Der Stiftungsvorstand setzt sich vor allem aus Ihnen und Ihren Geschwistern zusammen. Zu viel Einfluss der Familie kann aber auch belastend sein. Wie ist das bei Ihnen?
Gräfin Bernadotte: Es ist uns wichtig, dass wir ein Familienunternehmen sind und bleiben und dass ein Nachkomme die Geschäftsführung übernimmt. Trotzdem muss die Qualifikation vorne stehen. Das wollten auch unsere Eltern.
Graf Bernadotte: Hinzu kommt die Bereitschaft, etwas machen zu wollen.
Die bei Ihnen anfänglich noch nicht so erkennbar war.
Graf Bernadotte: Mit 16 Jahren weiß man eben noch nicht, wo es lang geht. Der Entwicklungsprozess ist erst nach dem Tod unserer Mutter eingetreten. Es war aber schon zu Lebzeiten unserer Eltern klar, dass meine Schwester Bettina und ich als Doppelspitze die Geschicke der Mainau lenken sollen.
Seit einem Jahr teilen Sie sich nun die Geschäftsführung. Wer ist heute für was zuständig?
Graf Bernadotte: Es gibt eine Geschäftsordnung, die unsere Aufgabengebiete definiert. Gräfin Bettina ist unter anderem für die Planung, Steuerung und Kontrolle sämtlicher mit dem Tourismusbetrieb zusammenhängenden Prozesse zuständig, zum Beispiel Personalverwaltung und Vermarktung. Meine Bereiche sind unter anderem die Archive Bernadotte und Romanoff, der Erlebniswald, die Forstwirtschaft und Fischerei sowie die Repräsentationsaufgaben.
Dass Sie Sozialpädagogik studiert haben, ist also kein Nachteil?
Graf Bernadotte: Nein, denn diese Ausbildung kommt mir heute sehr zugute, gerade wenn es um die Stiftung, die Familie, die sozialen Projekte, aber auch um die Mitarbeitermotivation geht.
Gräfin Bernadotte: Die Mitarbeiter sind für uns sehr wichtig. Einen Ideenzirkel gibt es zwar schon lange, aber jetzt beziehen wir die Mitarbeiter schon während der Planung intensiver ein.
Graf Bernadotte: Nehmen wir das Schmetterlingshaus. Da sahen die Mitarbeiter ein großes Verbesserungspotenzial. Wir haben sie also ermuntert, eine Projektgruppe zu gründen, deren Teilnehmer sie selbst bestimmen konnten. Innerhalb von drei Monaten gab es dann einen sehr detaillierten Plan. Der wurde besprochen und durchgerechnet. Zum Schluss wurden 80 Prozent umgesetzt.
Sie waren sehr jung als Sie die Verantwortung übernehmen mussten. Trotzdem hat der Übergang gut geklappt. Was haben Ihre Eltern richtig gemacht?
Graf Bernadotte: Wir sind sehr früh in das Geschäft eingebunden worden. Unsere Eltern haben uns zu Veranstaltungen mitgenommen und uns alles erklärt. Wir sind hier auch groß geworden und haben das Gespür dafür entwickelt, dass die Mainau nicht nur unser Unternehmen, sondern auch das Unternehmen der 150 Mitarbeiter und deren Familien ist.
Haben Sie Ihre Erziehung als hart oder weich empfunden? Graf Bernadotte: Sie war nicht hart und nicht weich, sie war konsequent. Wenn eine Entscheidung getroffen war, dann wurde sie auch durchgezogen.
Gräfin Bernadotte: Verantwortungsbewusstsein und Offenheit waren für unsere Eltern sehr wichtig. Sie haben uns Freiräume gelassen, uns aber auch immer angeregt, sich mit dem Thema Familienunternehmen zu befassen. Wir waren zum Beispiel auf Veranstaltungen der Universität Witten/Herdecke, in die das Wittener Institut für Familienunternehmen eingebunden ist. Und was auch wichtig ist: In unserer Familie gab es viel Humor.
Wie vollzog sich der Generationswechsel dann konkret?
Gräfin Bernadotte: Ich hatte den Vorteil, dass ich seit 2002 eng mit meiner Mutter zusammenarbeitete. So konnte der Generationswechsel harmonisch vollzogen werden. Schlimmer ist es, wenn ein Schicksalsschlag überraschend kommt. Dann entsteht eine abrupte Übergangssituation, die für ein Unternehmen gefährlich werden kann. Unsere Mutter ist hingegen sehr strukturiert vorgegangen. Sie wusste, dass sie, sobald sie das Ruder an die nächste Generation übergibt, loslassen muss. Sie hat es ja selbst miterlebt, weil der Altersunterschied zwischen unserem Vater und ihr groß war.
Graf Bernadotte: Ich erinnere mich, dass unser Vater irgendwann einmal sagte: Ihr macht das jetzt, und ich halte mich raus, aber wenn ihr eine Frage habt, dann stehe ich zur Verfügung. Unsere Mutter konnte sich danach frei entfalten. Aber sie konnte immer auch fragen. Diese Möglichkeit wurde uns genommen. Schlimm ist für mich daher, nebst dem Verlust unserer Mutter, der Verlust ihres Wissens. Dieser Erfahrungsaustausch fehlt mir noch heute.
Er wäre wohl auch wichtig gewesen als 2011 eine Diskussion über die Mainau während der NS-Zeit aufkam.
Graf Bernadotte: Ja, da wäre das Gespräch sehr hilfreich gewesen. Es war für uns schwierig, sofort Stellung zu nehmen, weil wir keine Zeitzeugen hatten. Wir stellten daher ein Fachgremium aus Historikern zusammen, das uns durch diesen Prozess begleitete. Mittlerweile haben wir das Thema weitestgehend erforscht und aufgearbeitet, den Text zur Historie auf der Homepage ergänzt, und wir haben Mitte November dieses Jahres auch ein Erinnerungszeichen für die 33 ehemaligen KZ-Häftlinge aus Dachau, die nach dem Krieg zu Genesungszwecken in ein Lazarett auf die Mainau kamen und hier verstarben, an die Öffentlichkeit übergeben.
Bei der Bekanntheit Ihres Namens werden sie auch in Zukunft mit Querschüssen rechnen müssen. Gräfin, wie bewusst ist Ihnen das?
Gräfin Bernadotte: Ich habe die ersten Kritiken mitbekommen, als ich zehn Jahre alt war. Unser Vater hat uns aber schon damals beigebracht, dass man nicht so tun sollte, als hätte man etwas zu verbergen oder etwas Unbilliges getan. Wichtig war ihm, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln und Kritik nicht als Angriff zu verstehen, sondern als Aufforderung zum Dialog.
Das Gespräch führte Peter Stippel

Die Macher Gräfin und Graf Bernadotte
Bettina Gräfin Bernadotte, 38, ist das älteste der fünf Kinder von Sonja und Lennart Bernadotte. Sie studierte Tourismusbetriebswirtschaft, arbeitete von 2002 bis 2006 als Assistentin ihrer Mutter und übernahm 2007 die Führung der Mainau GmbH. 2011 trat auch ihr Bruder Björn Graf Bernadotte, 37, in die Geschäftsleitung ein. Die GmbH erzielt heute 20 Millionen Euro Umsatz und beschäftigt ganzjährig 150 Mitarbeiter. Hauptgesellschafter ist eine gemeinnützige, rechtsfähige Stiftung. Die Insel ist ein Vermächtnis von Großherzog Friedrich II. an seine Schwester Viktoria, Königin von Schweden. Nach deren Tod fiel die Mainau an Prinz Wilhelm von Schweden, der die Verwaltung bereits 1932 seinem damals 23-jährigen Sohn Lennart übertrug. Nach der Heirat mit einer Bürgerlichen verlor Lennart Bernadotte sämtliche Titel und Erbansprüche an das schwedische Königshaus. Fortan lebte er die meiste Zeit auf der Mainau und begann, das vernachlässigte Eiland zum wichtigsten touristischen Ziel am Bodensee umzugestalten.

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