CR vom 03.12.2012, Heft 12 , Seite 37

Überschuldung in West- und Ostdeutschland

Zum Stichtag 1. Oktober 2012 wurde für die gesamte Bundesrepublik eine Schuldnerquote von 9,65 Prozent gemessen. Damit sind rund 6,6 Millionen Bürger über 18 Jahre überschuldet und weisen nachhaltige Zahlungsstörungen auf. Im Vergleich zu 2011 hat sich die Anzahl der Schuldner um rund 190.000 Personen erhöht (+ 3,0 Prozent). Im letzten Jahr gab es nur einen leichten Rückgang um rund 80.000 Überschuldungsfälle (- 1,3 Prozent). Die aktuelle Schuldnerquote bleibt aber trotz Anstieg weiterhin deutlich unter den Höchstwerten von 2005 bis 2008.
Nach überschlägigen Berechnungen können 2012 somit rund 3,26 Millionen Haushalte als überschuldet oder nachhaltig zahlungsgestört gelten (2011: 3,16 Millionen; 2004: 3,10 Millionen). Die Überschuldungssituation hat sich im Verlauf der letzten zwölf Monate insbesondere im zweiten und dritten Quartal 2012 angespannt, wie regelmäßige Zwischenstandsanalysen zeigen. Die uneinheitliche nationale und zum Teil rezessive europäische Konjunkturentwicklung zeigt offensichtlich Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft und die finanzielle Lage der deutschen Verbraucher. Dies nicht zuletzt, da der private Konsum derzeit, ausdrücklich gewünscht, zur Konjunkturstützung und Wirtschaftsbelebung in Anspruch genommen wird.
Konsum floriert
Das deutsche Konsumklima und die Anschaffungsneigung liegen seit Monaten stabil auf hohem Niveau. Angesichts der als unsicher wahrgenommenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der Angst vor einer schleichenden Geldentwertung wandeln viele Verbraucher ihre vorhandenen Geldwerte in werthaltige Anschaffungen um, anstatt sie bei der Bank anzulegen. Das niedrige Zinsniveau für Sparkonten macht zudem die Anlage von Geld unattraktiv. Viele Verbraucher nutzen die trotz Euro- und Finanzkrise weiterhin vergleichsweise positiven ökonomischen Rahmenbedingungen, um vorhandene Konsum- und Anschaffungswünsche zu realisieren - oder sie holen (entgangenen) Konsum nach. Hierdurch wird offenbar die ökonomische Situation und Überschuldungslage vieler, meist einkommens- und vermögensschwacher Verbraucher überfordert, zumindest aber mittel- und langfristig geschwächt.
Der Vergleich der Überschuldungssituation nach West- und Ostdeutschland bestätigt diese Analyse. So ist 2012 in beiden Teilräumen ein Anstieg der Überschuldung festzustellen, wobei die Zunahme im Osten Deutschlands (9,75 Prozent / + 0,46 Punkte) in diesem Jahr doppelt so stark ausfällt wie im Westen (9,63 Prozent / + 0,23). Insgesamt sind 2012 im Osten Deutschlands rund 1,09 Millionen Personen (+ 40.000 Fälle) als überschuldet zu betrachten, im Westen sind es rund 5,51 Millionen Personen (+ 150.000 Fälle). Zudem liegt die ostdeutsche Schuldnerquote erstmals seit 2008 wieder über dem Vergleichswert im Westen.
Die in einer Gesamtsicht wieder etwas negativere Entwicklung im Osten Deutschlands lässt sich durch mehrere, sich überlagernde Entwicklungen erklären. Die ostdeutschen Verbraucher haben von 2008 bis 2011 durch eine spürbare Verringerung der Konsumausgaben ("Konsumverzicht") die individuelle Überschuldung zurückgehen lassen, wie der Armutsforscher Dr. Rudolf Martens bereits im SchuldnerAtlas Deutschland 2009 diagnostiziert hatte.
Einkommen in Ost und West
Zudem nahm nach einer aktuellen Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) parallel und sukzessive das Markteinkommen resp. das verfügbare Haushaltsnettoeinkommen zwischen 2005 und 2010 nach Jahren des Rückgangs in den ersten fünf Jahren des Jahrzehnts tendenziell in beiden Teilen Deutschlands wieder zu. Im Osten war der Zuwachs (+ 1.100 Euro) dabei stärker als im Westen (+ 600 Euro): "Dennoch erreichen Personen in Ostdeutschland gemessen am Mittelwert weiterhin nur vier Fünftel des westdeutschen Einkommensniveaus." (vgl. DIW Wochenbericht Nr. 43/2012, S. 5-6) Zudem resultiert der derzeitige Anstieg der Schuldnerquoten in den ostdeutschen Ländern deutlich stärker aus einer Zunahme der Anzahl der Fälle mit so genannter "geringer Überschuldungsintensität" (+ 7,1 Prozent) als im Westen Deutschlands (+ 3,6 Prozent). Dies lässt darauf schließen, dass die Menschen in Ostdeutschland die weiterhin (trotz Euro- und Finanzkrise) vergleichsweise positiven ökonomischen Rahmenbedingungen nutzen, um vorwiegend (entgangenen) Konsum nachzuholen und geraten auf diese Weise in nachhaltige Zahlungsstörungen. So zeigen auch die aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2011, dass die Armutsgefährdung in fast allen Bundesländern zugenommen hat (Ausnahmen: Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen). Allerdings liegt die Armutsbetroffenheit in Ostdeutschland (mit Berlin, 2010: 19,0 Prozent / 2011: 19,5 Prozent) weiterhin deutlich höher als in den westdeutschen Ländern (2010: 13,3 Prozent / 2011: 14,0 Prozent).

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