CR vom 03.12.2012, Heft 12 , Seite 39

Überschuldung wird jünger und weiblicher

So hat der Anteil männlicher Schuldner im Vergleich zum Vorjahr wieder leicht abgenommen (2011: 63,8 Prozent; 2012: 63,6 Prozent), der Anteil von überschuldeten Frauen leicht zugenommen (2011: 36,2 Prozent; 2012: 36,4 Prozent).
Insgesamt sind 2012 rund 4,2 Millionen Schuldner männlichen und rund 2,4 Millionen Schuldner weiblichen Geschlechts. Die Zahl überschuldeter Frauen hat sich in den letzten zwölf Monaten um rund 3,4 Prozent (+ 80.000 Überschuldungsfälle; 2004 / 2012: + 14,8 Prozent), die der männlichen Schuldner um 2,7 Prozent erhöht (+ 110.000 Fälle; 2004 / 2012: - 5,7 Prozent). Hauptgrund für den Langzeittrend: Frauen müssen im Rahmen veränderter Lebensformen und Rollenbilder vermehrt, insbesondere als Alleinerziehende oder gleichberechtigte Einkommensbezieherinnen, für auflaufende Schulden geradestehen. Die dennoch weiterhin bestehende Kluft zwischen der Überschuldungsdimension bei Männern und Frauen liegt zunächst darin begründet, dass in vielen Familien der Mann weiterhin als Haushaltsvorstand und Hauptverdiener im Falle einer Überschuldung für ausstehende Verbindlichkeiten aufkommen muss. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind etwa zwei Drittel der Haupteinkommensbezieher in Haushalten Männer (2009: 65,6 Prozent) und nur zu einem Drittel Frauen (34,5 Prozent).
Zudem weisen Frauen eine höhere Risikoaversion auf, die beispielsweise bei der Inanspruchnahme von Krediten (mäßigenden) Einfluss auf die Höhe des Kredits nimmt. Dies spiegeln auch die vom Statistischen Bundesamt gemessenen durchschnittlichen Schuldenvolumen, die bei Frauen (2010: 31.400 Euro; - 200 Euro zu 2009) deutlich geringer ausfallen als bei Männern (37.200 Euro; - 600 Euro). Zudem, so konstatiert der iff-Überschuldungsreport 2012, dass "überschuldete Frauen leichter einen neuen Partner finden als überschuldete Männer" und dann einfacher der Schuldenspirale entkommen können. In einer Gesamtsicht zeigt sich aber, dass Frauen deutlich stärker unter so genanntem Schuldenstress leiden, da sie ihre eigene ökonomische Lage meist schlechter als die Männer bewerten, wie insbesondere die regelmäßigen Erhebungen zum Schuldner-Klima-Index seit Herbst 2010 belegen können. Männer gelten hingegen auch in der persönlichen Finanzplanung als risikobereiter. Sie zeigen eine höhere Neigung zur Selbstüberschätzung auch bei der Übernahme von finanziellen Verpflichtungen, wie psychologische Analysen belegen. Zudem gelten auch weiterhin die Ergebnisse der Schuldnerforschung des Statistischen Bundesamtes und des iff (Hamburg), dass allein lebende Männer besonders und allein Lebende zunehmend überschuldungsgefährdet sind.
Der zweite stabile Trend zeigt sich bei der Überschuldungsentwicklung nach Alter, auch wenn die Schuldnerquote der jüngsten Verbrauchergruppe (18 bis 20 Jahre) in diesem Jahr einen Rückgang der Überschuldung aufweist. Der Befund der Vorjahre hat Bestand: Das Thema "Junge Überschuldung" bleibt virulent.
In diesem Jahr sind weiterhin rund 216.000 Schuldner in Deutschland jünger als 20 Jahre (Schuldnerquote: 1,65 Prozent). Ihre Zahl hat binnen Jahresfrist um rund 11 Prozent abgenommen (- 27.000 Fälle). Hingegen hat die Anzahl der Schuldner in der zweitjüngsten Altersgruppe (20 bis 29 Jahre) um rund 8 Prozent auf rund 1,56 Millionen Überschuldete zugenommen (+ 122.000 Fälle). Diese Gruppe liegt mit einer Schuldnerquote von 11,93 Prozent mittlerweile auf Rang zwei des Schuldnerrankings nach Alter - knapp vor der Gruppe der 40 bis 49-jährigen Schuldner (11,91 Prozent / - 0,75 Punkte), aber noch deutlich hinter der Gruppe der 30- bis 39-Jährigen (12,93 Prozent / + 0,29 Punkte). Neben der jüngsten Altersgruppe verzeichnen nur die 40- bis 49-Jährigen einen Rückgang der Überschuldung.
In der Langzeitentwicklung erweist sich der Trend zur "Überschuldungsverjüngung" am deutlichsten, wobei sich ein weiterer Zunahmeschwerpunkt bei der ältesten Schuldnergruppe zeigt. So verzeichnen im Zeitraumvergleich 2004 / 2012 die Gruppe der jüngsten und jungen Schuldner (18 bis 20 Jahre: + 163.000 Fälle; 20 bis 29 Jahre: + 572.000 Fälle) sowie die über 70-jährigen Schuldner (+ 34.000 Fälle) in den letzten acht Jahren zum Teil drastische Zunahmen. Alle anderen Altersgruppen weisen Rückgänge bei den Schuldnerquoten und -zahlen auf.
Mittlerweile sind rund 27 Prozent aller Schuldner jünger als 30 Jahre (2012: 26,9 Prozent; 2011: 26,3 Prozent; 2004: 15,9 Prozent). Bei weiblichen Schuldnern liegt dieser Anteil nochmals darüber (2012: 29 Prozent; 2011: 28,6
Prozent; 2004: 19,1 Prozent). Diese Entwicklung bleibt besorgniserregend, auch wenn die aktuelle Entwicklung plausibel erklärt werden kann.
So hat zum ersten die Überschuldung der jüngsten Altersgruppe noch nicht die Intensität (Anzahl der Gläubiger und Höhe des Schuldenvolumens) erreicht wie bei den älteren Schuldnergruppen und ist somit schneller auflösbar (z.B. bei Aufnahme eines Arbeitsverhältnisses). Dies zeigt sich auch darin, dass der gemessene Rückgang stärker auf einer Abnahme der Fälle mit weicher Überschuldungsintensität beruht. Umgekehrt beruht der Anstieg der Überschuldung bei der nächstälteren Gruppe (20 bis 29 Jahre) hauptsächlich auf einer Zunahme der Fälle mit harter Überschuldungsintensität. Ein Teil der Gruppe der bis 20-jährigen Schuldner wechselte in dieser Sicht im Jahresverlauf in die nächstältere Altersgruppe und zudem teilweise auch in die Gruppe mit hoher Überschuldungsintensität.
Diese Entwicklung ist zudem unter dem Aspekt des zunehmenden Armutsrisikos in Teilen der bundesdeutschen Gesellschaft einzuordnen. So weisen nach Angaben einer aktuellen Untersuchung des DIW Berlin Jugendliche (10 bis 17 Jahre) und junge Erwachsene (18 bis 24 Jahre) die größten Armutsrisiken auf: "Bei den jungen Erwachsenen ist dieser Befund auf einen steigenden Anteil von Personen im tertiären Bildungssystem, insbesondere dem verstärkten Trend zum Hochschulstudium, zurückzuführen, was den Eintritt in den Arbeitsmarkt und die Erzielung von Erwerbseinkommen hinauszögert. [...] Zudem erfolgt der Einstieg in den Arbeitsmarkt immer häufiger über sogenannte prekäre Beschäftigungsverhältnisse und schlecht bezahlte Praktika, auch die Höhe der Vergütung einer betrieblichen Ausbildung schützt in manchen Fällen nicht vor einer prekären Einkommenslage. So arbeitet mehr als die Hälfte der jungen Erwachsenen im sogenannten Niedriglohnsektor."
Generell und weiterhin gilt auf Grundlage der Analysen des Statistischen Bundesamtes für die Jahre 2006 / 2010: Männer sind weiterhin für höhere Schuldenvolumen (2006: 39.300 Euro / 2010: 37.100 Euro / - 5 Prozent) verantwortlich als Frauen (2006: 34.400 Euro / 2010: 31.400 Euro / - 9 Prozent) - bei geschlechterübergreifend abnehmender Tendenz (2006: 36.900 Euro / 2010: 34.700 Euro / - 7 Prozent). Zudem gilt weiterhin: Je höher das Alter des Schuldners, desto höher die Summe seiner Verbindlichkeiten. Der Grund: Ältere Schuldner konnten vor dem Hintergrund meist höherer Einkommen auch häufig höhere Verbindlichkeiten eingehen und stecken häufig schon länger in einem Überschuldungsprozess. Nach idealtypischer Hochrechnung liegt das Schuldenvolumen in der jüngsten Schuldnergruppe 2012 bei etwa 1,5 Milliarden Euro. Das höchste Schuldenvolumen weisen angesichts ihrer Lebens- und Einkommenssituation die 40- bis 49 jährigen Schuldner auf (66 Milliarden Euro).

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