CR vom 03.12.2012, Heft 12 , Seite 55

Backstage Nachgefragt bei Regina Ziegler

Kann-Hüting, Marie-José

Frau Ziegler, die FAZ nennt Sie die Grande Dame des deutschen Films - und eine überzeugte Unternehmerin. Waren Sie, als Sie 1973 als Produzentin anfingen, die einzige Frau in dieser Branche?
Ich bin mir nicht sicher. Aber ich war vermutlich die einzige, die sich ins Gespräch gebracht hat.
Warum haben Sie sich eigentlich fürs Filmemachen entschieden?
Das ist keine Entscheidung von jetzt auf gleich. Da baut sich langsam etwas auf. Ich mochte Kino schon als Kind, seit mich meine Mutter, die Journalistin war, zu den Pressevorführungen mitgenommen hat. Ich organisiere gerne. Vor allem andere. Da ist der Weg zur Produzentin doch fast vorgezeichnet.
Wie haben Sie es geschafft, sich zu etablieren?
Das hat gedauert. Am Anfang ging alles sehr gut und schnell. Dann kamen die Täler. Es gab oft Finanzierungsprobleme, die ich jedoch bewältigen konnte. Es gab Probleme mit Redakteuren, die lieber mit Männern arbeiten wollten. Die habe ich umgedreht. Dann kamen die Höhen. Aber was immer da war, war mein unerschöpflicher Optimismus und mein Wille, es zu schaffen. Auch wenn es manchmal weh tut und man denkt: warum tust du dir das an. Und da habe ich mir gesagt: Ich will das schaffen.
War es hilfreich für Ihren Aufstieg, dass Sie durch Ihre Ausbildung zur Wirtschaftsdolmetscherin professionell mit Fremdsprachen umgehen konnten?
Das ist nie von Nachteil. Aber am Anfang war das nicht so wichtig. Erst später, als ich in die internationale Szene eingestiegen bin.
Sie haben mehr als 400 Kino- und Fernsehfilme produziert. Was war Ihr erfolgreichster Film?
Das war nicht einer. Das waren viele. Weil Erfolg eben etwas sehr Verschiedenes sein kann. Ein Film war ein Erfolg, weil er ein großes Publikum gefunden hat, weil er Tagessieger wurde, weil ich Preise dafür bekommen habe oder weil jemand, an dessen Urteil mir liegt, sagt: toll! Das waren "Die Wölfe", für die ich den International Emmy Award erhielt, Filme mit Brigitte Mira, Ruth Maria Kubitschek, Christine Neubauer und Christiane Hörbiger, das war ein Zweiteiler wie die Familiengeschichte von Udo Jürgens, "Der Mann mit dem Fagott". Oder die Serie "Weissensee", die demnächst wieder im Programm ist mit der zweiten Staffel. Aber selbst ein Film wie "Henri IV", bei dem ich viel Geld verloren habe, war für mich ein Erfolg, weil man nicht jeden Tag 20 Millionen zusammen bekommt, um sich einen Traum zu erfüllen.
Stimmt es, dass Sie, um Drehbücher zu verfilmen, immer wieder Ihr Vermögen riskieren?
Das ist leider kein Gerücht. Schon einige Male habe ich in die Substanz gegriffen. Aber wenn ich nicht ins Risiko gehen würde, wäre ich auch keine Unternehmerin. Wer es gerne risikofrei hat, muss eine andere Karriere machen. Zum Beispiel als Erbe.
Woher nehmen Sie die Neugier und Begeisterung für immer neue Filme? Und was muss ein "Stoff" haben, damit er Ihre Leidenschaft entfacht?
Das ist eine Mischung aus Gefühl und Kalkül. Ich bin nicht tollkühn. Ich kalkuliere schon sehr genau, Stoffe und Budgets. Aber eben nicht nur mit dem Verstand. Ich kalkuliere auch mit der Nase. Ich setze auf meine Erfahrung, ein Faktor, der heute nicht mehr sehr hoch geschätzt wird, weil nicht mehr viele die Chance haben, Erfahrungen über Jahrzehnte hin zu machen.
Vor fast vierzig Jahren haben Sie Ihre Firma gegründet. Hat sich die Art Ihrer Arbeit in diesem Zeitraum verändert?
Aber sicher. Alles geht heute, manchmal muss ich sagen: leider, viel schneller. Die Manufaktur von ehedem ist ein kleines Industrieunternehmen geworden. Die Spezialisierung hat zugenommen. Vor dreißig Jahren gab es zum Beispiel keine Castingagenturen. Oder digitale Kameras. Und, und, und.
Ihre Tochter Tanja ist mit im Unternehmen. Wie ist die Zusammenarbeit Mutter -Tochter?
Wir haben von vornherein unsere Claims abgesteckt. Das funktioniert problemlos. Ich gehe eher auf Reisen, und meine Tochter Tanja sorgt für die Innenpolitik. Sie hält, weil ich das so wollte, längst die Mehrheit in der Gesellschaft. Und irgendwie ergänzen wir uns, ohne dass wir dazu in eine Partnerschaftsberatung gegangen wären.
Seit kurzem betreiben Sie und Ihre Tochter das kleine Kino "Filmkunst 66" in Berlin. Haben Sie sich damit einen Traum verwirklicht?
Einen Traum und eine schöne Pflicht. Wir wollten immer schon ein kleines Kino. Und wir wollten nicht, dass "Filmkunst 66" womöglich nicht weiter geführt worden wäre. Und wenn Sie jetzt noch sehen könnten, wie wir das Haus restaurieren ...
Wie schätzen Sie die Überlebenschancen des Kinos ein? Und was fasziniert Sie eigentlich am Kino?
Dieses ganze Todesgerede, mal ist es das Kino, dann das Fernsehen und manchmal sogar das ganze Abendland, ist der Unsinn der Ahnungslosen. Wir werden solange das Kino haben, als Menschen sich in einem dunklen Raum möglichst ungestört etwas ansehen wollen, was sie bewegt oder verzückt. Und solange Produzenten so was hinkriegen. Kino ist sehr nahe am Gefühl, das man möglichst für sich haben will, und da füllt es eine Lücke, die in der Gesellschaft weithin sichtbar klafft. Wer zeigt denn noch Gefühle und lässt sich dabei beobachten? Echte Gefühle, wohl gemerkt, keine Inszenierungen! Das ist doch nicht cool. Kino aber ist und lässt in keiner Weise cool.
Ihre Ernennung zur Honorarprofessorin der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam war Ehrung und Auftrag zugleich. Gibt es beim Kontakt mit dem Berufsnachwuchs ein Geben und Nehmen?
Den gab es schon vorher und den gibt es verstärkt, seit ich in Potsdam versucht habe, Studenten etwas von meinen Kenntnissen und Erfahrungen zu vermitteln. Mich hat diese Art von Arbeit immer sehr entspannt. Und auch sehr befriedigt. Man sieht sehr bald, ob einem etwas gelungen ist.
Wie denken Sie darüber, dass Frauen per Gesetz in Spitzenpositionen gehoben werden sollen?
Obwohl ich als Produzentin die Quote liebe - am liebsten wäre es mir in dieser Sache, sie würden es ohne Quote schaffen. Aber offenbar sind die Hürden für die meisten zu hoch. Aber dann muss man die Hürden senken und nicht die Quoten erhöhen.
Wie vereinbaren Sie Beruf und Familie?
Das sind für mich keine zwei getrennten Welten, zumal mein Mann Wolf Gremm Drehbücher schreibt und Regie führt und meine Tochter Tanja meine Geschäftspartnerin ist. Nur meine Enkelin Emma hat das Privileg, dass sie mich berufsfrei haben kann.
Wenn Sie mal richtig Abstand gewinnen wollen, wie schaffen Sie das?
Wenn ich mit Freunden esse oder Golf spiele.
Was ist Ihr größter Wunsch?
Gesundheit.
Die Fragen stellte Marie-José Kann-Hüting

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