CR vom 04.01.2013, Heft 01 , Seite 55

Backstage Nachgefragt bei Andreas Malessa

Kann-Hüting, Marie-José

Herr Malessa, wer Sie hört, ist von Ihrer mitreißenden sprachlichen Professionalität begeistert. Wie ist Ihre Leidenschaft zur Sprache entstanden?
Als Kind am Esstisch, wenn mein Vater mit ostpreußisch derber Ironie und meine Mutter mit niederrheinisch trockenem Humor das Welt- und Familiengeschehen kommentierten.
Dann durchs Lesen: viel Karl May, Mark Twain, Kinderbibel. Ich war in Mathe 5, in Sport 4, nur in Deutsch und Religion gut - da brauchte man halt ein originelles Mundwerk, um bei den Mädchen zu punkten ...
Schulen Sie auch andere Menschen, die reden müssen oder wollen?
Ja. Pfarrerinnen und Pfarrer, Führungskräfte in der Wirtschaft, Ehrenamtliche in Vereinen. Sprach- und Sprech-Werkstatt nennen wir das.
Bereits mit 17 Jahren moderierten Sie im Hörfunk eine eigene Sendereihe. Welche? Und wie kam es dazu?
"Euroclub" hieß die 1972, wöchentlich dienstags 30 Minuten, Gospelmusik thematisch sortiert. Reingerutscht bin ich, weil sich der DJ in Norwegen verliebt hatte und von heute auf morgen nicht mehr zurückkam. Man hat mich wohl aus Zeitnot genommen.
Gab es in Ihrem Leben ein Ereignis, das Sie besonders geprägt hat?
Ja, meine Geburt. Nein, im Ernst: Der Unfalltod eines 39-jährigen Jugendpastors, auf dessen Beerdigung ich meine "Berufung" zu Theologie und Journaille empfand. Reportagen aus der DDR für den Deutschlandfunk. Gottesdienste schwarzer Gemeinden zu Apartheidszeiten in Südafrika. Der Tag, als ich meine Frau sah. Die Geburten unserer Töchter - viele Ereignisse waren "prägend" in dem Sinne, das man anschließend ein anderes Leben hat als vorher.
Sie sind Hörfunkjournalist, TV-Moderator, Referent, Buchautor und Publizist. Können Sie eigentlich bei all diesen Aufgaben noch den Augenblick genießen?
Warum nicht ? Dass er lang vorausgeplant werden muss, macht den "Augenblick" ja nicht weniger genießbar. Und wenn Freizeit rar ist, wird sie umso kostbarer und köstlicher.
Ihr "Dauereinsatz" kostet sicherlich viel Kraft. Wie und wo tanken Sie auf?
Zuhause beim Lesen guter Romane. Im Urlaub zu zweit, gern in rauen, einsamen Gegenden. Beim Kochen, beim Essen und Kartenspielen mit unseren Freunden.
Zwischen 1972 und 1991 waren Sie die eine Hälfte des Gesangsduos "Arno & Andreas", das rund 1.400 Konzerte im In- und Ausland gab. Was bedeutet Musik in Ihrem Leben?
Damals ein adäquater Ausdruck meines Glaubens, des Lebensgefühls, der Weltsicht. Sie war Projektionsleinwand und Spiegel für viele junge Leute zwischen "Born to be wild" und "Danke für diesen guten Morgen". Das war gut und richtig, ich bereue da nichts. 20 Jahre danach bedeutet mir Musik Entspannung, emotionale Auftanke. Tiefer berührt und zu langen Gesprächen animiert sind meine Frau und ich allerdings von Ballett-Werken des Hamburger Choreografen John Neumeier.
Sind Sie jetzt als Musiker noch aktiv? Wenn ja, wie und wo, wenn nein, warum nicht?
Als Musiker nicht aktiv, weil schlicht die Zeit fehlt, gut zu bleiben an der Gitarre. Als Songtexter recht aktiv, weil immer wieder Künstler nach Texten fragen.
Was tun Sie, wenn Sie nicht reden, moderieren oder schreiben?
Schlafen.
Auf welche "soziale Errungenschaft" könnten Sie getrost verzichten?
Facebook, Finanzamt, Formulare. Bürokratie, Behördendeutsch, Beratersprech.
Vor zwölf Jahren haben Sie ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Wir jungen Alten". Da waren Sie noch keine Fünfzig. Zählen Sie diese Altersgruppe schon zu den jungen Alten?
Ja. Für Teenager sind Sie das schon ab 40.
Ihr neuestes Buch heißt "Altherrensommer: Männer in der Drittlife-Krise" Kommen Sie selbst darin vor?
Ja, aber weder als Betroffenheitslyriker noch als Ratgeberonkel, sondern als Reiseführer durch die noch unbekannte Seelenlandschaft verschwiegener Männer ab Mitte 50. Wenn das Empty-Nest-Syndrom bei Frauen und der Berufsverlust bei Männern für Wirbel in der Ehe sorgen wie seit der Pubertät nicht mehr. Wo der Selbstwert bleibt, wenn der Status geht - das hab ich Leute gefragt und lustige, weise, erschütternde und entlarvende Antworten bekommen.
Sie haben mit vielen prominenten Zeitgenossen medialen Kontakt gehabt. Mit wem war es am spannendsten. Mit wem am schönsten?
Am spannendsten mit der ehemaligen RAF- Terroristin Silke Maier-Witt, als wir feststellten, dass wir als Studenten im selben Ethik-Seminar an der Hamburger Uni saßen. Am schönsten war's mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider und seiner Frau Anne. So viel ehrliche Haut sieht man selten.
Wie ist es dazu gekommen, dass die "Dritte Welt" zu Ihrem beruflichen Themenschwerpunkt wurde?
Durch die Freundschaft zu einem Massai aus der kenianischen Steppe, der eine wissenschaftliche Karriere in den USA machte. Mein "Herz in Afrika" verloren, wie der Buchtitel heißt, habe ich durch viele finanziell arme, aber menschlich reife und spirituell reiche Menschen dort.
Was halten Sie eigentlich von Vorsätzen? Haben Sie welche für das neue Jahr?
Nein. Ich bin ja noch nicht fertig mit den Vorsätzen von Silvester 1999/2000 ! Neue Jahre kommen für mich immer zu früh, verstehen Sie?
Die Fragen stellte Marie-José Kann-Hüting

Andreas Malessa ist Hörfunkjournalist beim DeutschlandRadio Kultur in Berlin und beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt und seit 1986 TV-Moderator und Dokumentarfilmer beim Südwest-Fernsehen in Baden-Baden. Schon mit 17 Jahren moderierte er eine eigene Sendereihe im Radio. Der Buchautor und Publizist ist dazu ein vielgefragter Referent zu religiös-kulturellen, sozialethischen sowie kirchlichen Themen. Sein Markenzeichen: lockere Atmosphäre, hintergründige Fragen und inhaltsreiche Bühnenprogramme. Der Wahl-Schwabe lebt in der Nähe von Stuttgart, ist seit mehr als drei Jahrzehnten verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

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