CR vom 01.02.2013, Heft 02 , Seite 20

Made in Germany

Hoch, Uwe

Alle Welt redet zur Zeit über den neuen Berliner Großflughafen mit dem Kürzel BER, aufgrund seiner bisherigen Geschichte auch bereits als 'Fluchhafen' bekannt. Es geht um überbordende Kosten des Großprojekts und die groteske, permanente Verzögerung bei der Fertigstellung. Wie üblich bei solchen Projekten können die politischen Aufsichtsräte Wowereit und Platzeck nichts dafür. Nun ist es keine Seltenheit, dass Großprojekte in der Regel mehr kosten als ursprünglich geplant. Das ist Prinzip, weil zu Beginn der Planung alle Kosten unrealistisch niedrig gehalten werden, damit jene, von denen das Geld kommt, nämlich die Steuerzahler, besänftigt sind. BER ragt aber selbst unter diesen bekannten Eckdaten jetzt schon heraus. Die aktualisierte Schätzung sagt ein Plus von 551 Prozent voraus. Andere Beispiele sind die Elbphilharmonie in Hamburg mit 209 Prozent oder der Bahnhof Stuttgart 21 mit 70 Prozent. Andere Beispiele wie der Citytunnel Leipzig oder die Kölner U-Bahn sind ähnlich. Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass die wirklichen endgültigen Kosten für jedes dieser Projekte weit höher sein werden, als die aktualisierten Schätzungen.
Zunächst wirft das alles ein jämmerliches Bild auf die Rolle der Politiker als Aufsichtspersonen von Großprojekten. Dass sie das nicht können, darf einen nicht wundern, denn schon der Zeitbedarf eines Großprojektes liegt für ein normales Aufsichtsratsmitglied bei vier Tagen im Monat. Also: Ohne ausreichend Zeit und entsprechende Sachkenntnisse muss es zwangsläufig mindestens zu Irritationen, schlimmstenfalls zu Katastrophen kommen.
Das ist aber noch nicht alles. Durch dieses amateurhafte Management kommt die derzeit so blühende Marke "Made in Germany" auch international in Misskredit. Es kommen Zweifel im Umgang mit hochspezialisierter Technik auf. Man fragt sich unwillkürlich wie ein immer noch führendes Exportland, wie Deutschland, das neben vielen anderen Dingen die besten Maschinen oder Autos dieser Welt baut, so viel Pfusch im eigenen Lande zulässt.
Natürlich hat diese Fülle von misslingenden Großprojekten auch eine europäische Komponente. Hier könnte man zwar auch zur charmantesten Interpretation greifen und vorrechnen, dass die "überfleißigen und unfehlbaren" Deutschen auch so ihre Probleme haben. Entsprechende hämische Kommentare gibt es aus der Schweiz, aus Italien, Spanien oder Österreich schon zur Genüge. Aber das trifft den Kern nicht. Es macht ein schlechtes Bild, wenn die Deutschen die massenweise Verbrennung von Steuergeldern offenkundig nicht im Griff haben, gleichzeitig aber in ihrer Europapolitik permanent auf die Notwendigkeit von Sparsamkeit und Effizienz hinweisen. Und wir reden hier nicht über kleinere Beträge, es sind Milliarden. Dies wird die Vorbehalte und das Misstrauen gegenüber Deutschland weiter schüren.
Nun könnte man es sich leicht machen und bei der Misere der öffentlichen Projekte auf die privaten verweisen. Leider fällt einem dabei in diesen Wochen fast automatisch das Unternehmen Thyssen-Krupp ein. Ein Weltunternehmen, bei dem die völlige Fehleinschätzung der Märkte, die extrem überteuerte Fehlinvestition im Ausland und das gravierende Versagen der Aufsichtsräte aktuell sind. Der Aufsichtsrat merkt nichts, weiß nichts und verhindert nichts. Die politiknahen Aufsichtsräte im Unternehmen kommen entweder wann sie wollen oder sie probieren das feine Reiseleben auf Kosten des Unternehmens. Inzwischen geht es soweit, dass die Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland dem Chefkontrolleur von Thyssen-Krupp den Rücktritt nahelegt. Es wird allerhöchste Zeit, für Großprojekte jeder Art in Deutschland und im Ausland mehr Professionalität und Sachverstand einzubringen. Die Kontrolle der Kontrolleure inbegriffen.
Uwe Hoch

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