CR vom 02.03.2012, Heft 03 , Seite 44

Gerangel auf dem Smartphone

Schäfer, Dirk

Wer glaubt, dass Apps nichts mit Spargel oder Weizen zu tun haben, der irrt. Das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) hat unlängst eine App entwickelt, die Landwirten und Erntehelfern die Arbeit erleichtern soll. "Wir haben die Arbeitsabläufe auf dem Feld analysiert", sagt Ralf Carbon, Leiter des Forschungsbereichs "Business goes mobile" am IESE. Ergebnis: Mit mobilen Geräten und der entsprechenden App erreiche der Landwirt seine Helfer auf den Feldern schneller, das Ernten gehe insgesamt besser von der Hand. "Landwirte machen mit Tablet-PC oder Smartphone ihren Traktor heute tatsächlich schon zum Büro", so Ralf Carbon. Speziell in Sachen Ernte, bei der alles schnell und effizient laufen muss, sei für mobile Anwendungen Potenzial.
Die Acker-App der Fraunhofer-Forscher ist daher nicht weniger ernst gemeint als eine App von SAP, die aus dem komplexen Datenwust der Unternehmenssoftware aus Waldorf übersichtliche kleine Grafiken mit Kennzahlen zaubert. App - nichts ist unmöglich? Doch denken Firmen daran, die mobile Welt um eigene Kreationen für mobile Gerätschaften zu bereichern, sollten sie dem Hype um die Apps zunächst widerstehen - denn im Detail geht es ans Eingemachte, und es gibt Alternativen.
Technisch komplex und teuer
Wer auf den App-Zug aufspringen möchte, dem schlägt zunächst geballte Komplexität entgegen. "Wollen Firmen heute eine App entwickeln, stellen wir zuerst die Frage: Was wollen Sie damit erreichen?", sagt Kira Song, Geschäftsführerin der Münchener Appadvisors GmbH. Die Münchener entwickeln Apps vor allem für Verlage und Medienunternehmen wie Axel Springer oder den Bayerischen Rundfunk. Für das Verbreiten von Neuigkeiten etwa scheinen Apps bestens geeignet, einzelne TV-Formate lassen sich per App zum Beispiel um Interaktivität anreichern, und im Printbereich können die Inhalte auf einer anderen technischen Basis zusätzliche Abo-Leserschaft finden. Doch auch bei aussichtsreicher Grundlage baut die Technik eine erste Hürde auf: "Apps sind speziell für die unterschiedlichen Plattformen der Smartphone-Welt ausgelegt", erläutert Kira Song, die Apps sind also jeweils für die unterschiedlichen Smartphone-Betriebssysteme programmiert wie Apples iOS, für Googles Android, Microsofts mobiles Windows oder das der Blackberrys, weshalb Experten sie native Apps nennen. Der Vorteil: Funktional bieten die nativen Apps mehr Möglichkeiten. Nachteil: Grundsätzlich taugt eine native App lediglich für Nutzer mit entsprechendem Gerät. Der Ausweg: Man lässt mehrere Versionen einer App für die unterschiedlichen Betriebssysteme erstellen. Dann aber wird die Sache teuer.
Allein aufgrund der relativ hohen Kosten hält Kira Song daher etwa eine Marketing-App, die viele Kunden erreichen soll, für wenig attraktiv. Vielmehr, so Song, sollte eine App selbst als Produkt betrachtet werden und folglich mit einem Geschäftsmodell unterfüttert sein.
Hinzu kommt, dass sich Marketing-Apps ohnehin auf dünnem Eis bewegen. Denn wer nicht gerade einen großen Namen trägt oder etwas Außergewöhnliches bietet, das die Massen bewegt, wird es schwer haben, sich durchzusetzen. Unter der schieren Zahl an Apps - aktuell rund eine halbe Million für Android und 600.000 Apps für iOS - wird ein Hervorstechen nicht leicht. Um etwa im deutschen iTunes-Store unter die ersten Zehn zu kommen, die auf der Startseite gelistet sind und jedem Besucher gleich ins Auge springen, braucht es nach Erhebungen des App-Marketing-Spezialisten Distimo 12.000 Downloads - und das pro Tag. Für die TOP 25 sind 5.000 nötig, unter die TOP 50 gelangen Apps mit 3.000 Downloads täglich. 80 Prozent der angebotenen Apps kommen in mehreren Wochen nicht einmal auf 1.000 Downloads.
Anders sieht es aus, wenn Firmen nicht mit einer App Geld verdienen wollen, sondern mit ihr einen zusätzlichen Kanal für bereits bestehende Geschäftsfelder öffnen. Doch auch hier können sich Fragen nach dem Nutzwert ergeben. So informieren etwa große Lebensmittel-Händler wie Rewe, Edeka, Real, Aldi oder Lidl per App über aktuelle Angebote oder geben kleine Käse-, Gewürz- oder Weinlexika mit detailliert beschriebenen Produkten des eigenen Sortiments an die Hand. Mit einem Fingerwisch lassen sich die Produkte in eine Einkaufsliste einfügen, und wo die nächste Filiale ist, zeigen die Apps auf einer Straßenkarte an. Was komfortabel klingt, birgt in der Praxis Probleme. Denn wer nicht nur bei einem Lebensmittel-Händler einkauft, benötigt mehrere der Apps. Jede Einzelne aber steht per Funk ständig mit den Datenzentralen der Lebensmittel-Händler in Kontakt. Das erhöht nicht nur den Datenverkehr enorm, es saugt auch den Akku vorzeitig leer.
Native Apps vs. Web-Apps
Gerade beim Thema Online-Shopping scheint es fraglich, ob sich Nutzer tatsächlich mehrere Apps unterschiedlicher Anbieter auf ihr Smartphone laden. Eine Studie von Adobe offenbart, dass trotz des App-Hypes mobile Webseiten bei Konsumenten weit beliebter sind. Geht es um Shopping- und Entertainment-Angebote, bevorzugen von 1.200 Befragten US-Konsumenten 66 Prozent mobile Webseiten, so die Adobe Mobile Study. Der Grund: Mobile Webseiten sind leichter erreichbar, Apps muss man sich erst herunterladen.
Eine weitere Alternative sind Web-Apps. Diese werden nicht auf den Smartphones installiert, sondern sind zunächst nichts weiter als ein Link. Der führt zu einer speziell gestalteten Anwendung für Smartphone-Nutzer im Internet, etwa zu einem Shop samt Bestell- und Bezahlfunktion. Auch Anwendungen für den Geschäftsalltag lassen sich als Web-App umsetzen wie Terminkalender, CRM-Funktionen und anderes. Technisch gesehen bereichern Web-Apps mobile Webseiten um bestimmte Funktionen, die durchaus mit denen der nativen Apps mithalten können. Und auch in Sachen Aussehen und Bedienung können sie vergleichbar komfortabel gestaltet werden. Will man dann als Shop-Betreiber seine Web-App in die Breite tragen, bieten sich Sammel-Apps an, etwa die des Anbieters Shopgate. Sie installiert auf Smartphones eine Art mobiles Einkaufszentrum in Form einer Liste mit rund 250 Web-App-Links. Alphabetisch sortiert, findet sich alles von Alabasterlampen über Motorradbekleidung bis zum Velo. Ein Fingertipp auf den Anbieter, und die jeweilige Web-App wird angesurft. Nachteil: Auch bei den Web-Apps müssen die unterschiedlichen Betriebssysteme der Smartphones berücksichtigt werden.
Damit jedoch könnte es in absehbarer Zeit vorbei sein. "Die neue Web-Programmiersprache HTML 5 wird hier vieles leichter machen", so Kira Song. Zwar wird HTML 5 bereits genutzt und auch erste Web-Browser auf Smartphones können sie lesen. Noch aber sind nicht alle Spezifikationen unter Dach und Fach. Zudem sind ältere Smartphones nicht mit HTML 5 kompatibel. Bis der Standard sich breit durchgesetzt hat, werden noch einige Jahre vergehen.
Fazit: "Geht es lediglich um das Darstellen des eigenen Produktportfolios oder anderer Inhalte, kann eine speziell für mobile Gerätschaften entwickelte Webseite völlig ausreichend sein", befindet Fraunhofer-Forscher Ralf Carbon. Eine Befragung des IT-Branchenverbandes Bitkom hat ergeben, dass Entscheider in Unternehmen für solcherlei Dinge tatsächlich dem App-Hype widerstehen und eher auf mobile Webseiten setzen. "Im geschäftlichen Umfeld sind mobile Webseiten die Hidden Champions des Internets", so Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Bitkom.
Ob effizientere Ernte oder Business Analytics von unterwegs: "Letztlich kommt es darauf an, was ein Unternehmen umsetzen möchte. Anhand dessen entscheidet sich, welche Plattform sinnvoll ist", zieht Ralf Carbon ein Fazit.
Dirk Schäfer

Apps Mobile Neuheiten
Auf der CeBIT vom 6. bis 10. März in Hannover stellt das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) in Halle 9, Stand E08, seine "Acker-App" sowie andere Entwicklungen und Dienstleistungen rund um mobile Anwendungen im geschäftlichen Umfeld vor. Auch zahlreiche Hersteller von Business-Software wie der Dokumentenmana-gement-Spezialist DocuWare, der ERP-Hersteller oxaion oder der Anbieter von Lösungen im Bereich Business Intelligence Cubeware zeigen auf der CeBIT mobile Anwendungen für Smartphones und Tablet-PCs.

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