CR vom 01.02.2013, Heft 02 , Seite 16

Wir sind der Markt

Schäfer, Dirk

Mit Foren oder Wikipedia fing es an, hinzu kamen Videoportale, Social Media oder die derzeit boomenden Tausch- und Leihbörsen: Was immer der menschliche Geist an Wissen oder Produkten hervorbringt, so scheint es - über das WorldWideWeb wird es geteilt. Kein Wunder: Das WWW ist von seiner Struktur her Teilen in Reinkultur. Links führen zu Inhalten, die anderen zur Verfügung stehen, und erst Links und Inhalte machen das Web lebendig.
Naturgemäß ist das WWW daher die zentrale Schaltstelle für das, was die CeBIT in diesem Jahr unter dem Begriff "Shareconomy" zum Leitthema macht - das Teilen von Wissen, Waren, Dienstleistungen und anderem. "Das Sharen wird in wenigen Jahren ganz selbstverständlich sein - und es ist gut, dass wir uns intensiv mit der Shareconomy beschäftigen, also auch mit allen Fragen, die künftige Geschäftsmodelle betreffen", so Bitkom-Vizepräsident Heinz-Paul Bonn während der Hauptpressekonferenz zur CeBIT. Tatsächlich ist heute schon jeder zweite Deutsche Mitglied einer "Sharing Community", so eine Studie von TNS Infratest im Auftrag von Airbnb, einem Community-Marktplatz für private Unterkünfte. Das wohl bekannteste und am weitesten verbreitete Beispiel für "Sharing Communitys" ist das CarSharing. Bundesweit mehr als 130 Anbieter stellen heute Fahrzeuge bereit, die sich Mitglieder kurzzeitig ausleihen können. Im Unterschied zu klassischen Autovermietungen wird dabei nutzungsabhängig nach Zeit und gefahrener Strecke bezahlt. Dazu kann nicht jeder ein Auto ausleihen, sondern nur, wer als Mitglied registriert ist. Rund eine Viertelmillion Deutsche sind heute Mitglied bei einem CarSharing-Anbieter, 2008 waren es in etwa halb so viele, so der Bundesverband CarSharing. Selbst Daimler, BMW oder Volkswagen verfolgen inzwischen entsprechende Konzepte. "Viele der Mitglieder sehen CarSharing inzwischen als ganz normales Service-Angebot. Dennoch steht auch der Gedanke dahinter, dass nicht jeder ein teures Konsumgut wie ein Auto selbst besitzen muss", sagt Gabi Lambrecht vom Bundesverband CarSharing.
Wertschöpfung als kooperativer Akt
Das CarSharing kommt dem am Nächsten, was die ITK-Branche unter "Shareconomy" versteht: Nutzen statt Besitzen. "Der Klassiker der Shareconomy ist das Cloud Computing. Statt Hard- oder Software selbst zu besitzen, wird sie nutzungsabhängig gemietet", erläutert Bitkom-Sprecher Maurice Shahd.
Während das Cloud Computing Kosten sparen soll, sitzt die Motivation zum Teilen durchaus auch tiefer. Seit der Dauerkrise des Kapitalismus - von der Banken- über die Wirtschafts- bis zur Euro-Krise - machen sich immer mehr Konsumenten und Unternehmenslenker Gedanken darum, ob und wie es mit Marktwirtschaft und Angebotsökonomie weitergehen kann. Das blinde Vertrauen in den Markt, seine Produkte und Protagonisten ist tiefem Misstrauen gewichen. Einer Umfrage von TNS Infratest zufolge wünschen sich 80 Prozent der Deutschen ein anderes Wirtschaftssystem. Eine große Rolle spielen hierbei die Themen soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz. Immer mehr Konsumenten warten nicht auf Besserung, sondern handeln. Sie kaufen bewusster, werden genügsamer und ändern ihr Konsumverhalten. Mit der "Ökonomie des Teilens" wird Wertschöpfung zum kooperativen Akt. Das gemeinsame wirtschaftliche Handeln ist nicht von Profitmaximierung geprägt, sondern von Kommunikation, Gegenseitigkeit und Vertrauen. Beim CarSharing etwa sehen sich die klassischen Anbieter als Teil eines neuen Mobilitätskonzepts.
Neue Geschäftsmodelle
Erst neue Kommunikationstechniken aber ließen das Teilen zum Megatrend werden und brachten neue Geschäftsmodelle hervor. "Wenn sie früher eine Bohrmaschine ausleihen wollten, haben sie vielleicht ihren Nachbarn gefragt, und mit etwas Glück hatten Sie dann eine. Heute können Sie ein Internetportal nutzen und erhalten gleich mehrere Verleihangebote in der Nähe", sagt Maurice Shahd. Über zahlreiche Portale tauschen und verleihen Privat- und Geschäftsleute von der Bohrmaschine bis zur Wohnung nahezu alles, was es an beweglichen und unbeweglichen Gütern gibt. "Die Technik sorgt schlicht dafür, dass Menschen in einem sehr viel größeren Rahmen in Kontakt kommen, Informationen austauschen und die vorhandenen Ressourcen sinnvoller nutzen", so Shahd. Noch an anderen Stellen beflügelt Kommunikationstechnik die "Ökonomie des Teilens". In vielen deutschen Städten warten zum Beispiel Fahrräder auf Kurzzeitausleiher, die Buchung erfolgt ganz simpel per SMS. Auf sogenannten Crowd-Funding-Plattformen stellen Gründer ihre Geschäftsideen vor und sammeln Geld, um sie umzusetzen. Und selbst Standortinformationen eines Navigationssystems werden mit anderen geteilt, etwa um Stauprognosen zu erstellen, die wiederum an andere weitergegeben werden. Ebenfalls stark im Kommen sind Plattformen für digitale Inhalte wie Musik oder Videos, die nicht gekauft, sondern auf Zeit gemietet werden. Möglich machen solche Angebote erst breitbandige Internetverbindungen. Auch die starke Zunahme der Mitgliederzahl beim CarSharing führt Gabi Lambrecht zum Teil auf technische Fortschritte zurück: "Früher mussten die Mitglieder für eine Fahrzeugbuchung telefonieren, heute können sie das viel komfortabler über das Internet erledigen oder sogar per Smartphone-App."
Soziale Medien sind Eckpfeiler
Allem anderen voran sind es jedoch die sozialen Medien, die eine neue Beziehungsökonomie entstehen lassen. Facebook & Co stießen mit ihren Plattformen in eine Lücke, die die Angebotsökonomie nicht abdecken konnte. Die Mitglieder tauschen Tipps zu Produkten, geben Ratschläge zu Dienstleistungen oder vermitteln konkrete Ansprechpartner. "Der Mehrwert für Unternehmen besteht zum Beispiel darin, die Informationen des Social Web auszuwerten und für sich zu nutzen", heißt es beim Bitkom. So können etwa Kommentare zu bestimmten Produkten Aufschluss darüber geben, wie sie im Markt ankommen, wie sie genutzt werden und wo es Verbesserungspotenzial gibt. Diese Art des Kunden-Feedbacks fließt zudem weit schneller als über andere Wege. Auch der Trend, den unternehmensinternen Informationsfluss mit Angeboten aus dem Bereich Social Media auf Trab zu bringen, ist Teil der "Shareconomy". Statt der Ein-Weg-Kommunikation von oben nach unten ermöglicht ein unternehmensinternes soziales Netzwerk einen echten Dialog. "Solche modernen Systeme ändern in Unternehmen nicht nur das Verteilen von Information, sondern auch die Art und Weise, wie Entscheidungen getroffen werden", sagt Maurice Shahd. Die Mitbestimmung nämlich ist immanenter Teil der Wir-Ökonomie.
Dirk Schäfer

Shareconomy Themen und Anlaufpunkte auf der CeBIT
Mit ihren Produkten und Dienstleistungen sieht sich die ITK-Branche zum einen als Vorreiter einer "Shareconomy", zum anderen als Möglichmacher. Sie stellt die Technologien bereit, die für die Geschäftsmodelle der "Shareconomy" benötigt werden. Auf der CeBIT sind mehrere Unterthemen unter das Leitthema "Shareconomy" gefasst. Das wohl wichtigste ist das Cloud Computing, bei dem Hard- und Software nutzungsabhängig gemietet werden. Je nach Art der benötigten Software - Customer Relationship Management, Business Intelligence, Enterprise Ressource Planning und anderes - finden sich in den Hallen 2 bis 6 entsprechende Aussteller. Weitere Schlagwörter sind soziale Netzwerke und Wikis. Informationen hierzu liefert insbesondere auch der Ausstellungsbereich "Webciety" in Halle 6. Eng daran angebunden ist das Thema Big Data. Unter diesem Schlagwort suchen Firmen nach Wegen, die unstrukturierten Informationen aus sozialen Netzwerken, aus E-Mails und anderen Quellen aufzubereiten und aus ihnen Erkenntnisse für neue Produkte, Marketing-Kampagnen oder anderes zu ziehen. Zu Big Data informieren mehrere Hersteller in den Hallen 2 bis 6. Ein weiteres Thema der "Shareconomy" ist das engere Einbinden von Lieferanten, um etwa genauere Prognosen zu erstellen oder gemeinsam Innovationen auf den Weg zu bringen. Auch hierzu bieten mehrere Aussteller Informationen, die sich ebenfalls in den Hallen 2 bis 6 befinden.

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