CR vom 01.02.2013, Heft 02 , Seite 26

Mitgefangen - mitgehangen?

Vetter, Michael

Nach wie vor ist nur schwer absehbar, in welchem Umfang die zukünftigen Eigenkapitalregeln ("Basel III") die Kreditvergabe der Bankinstitute verändern wird. Nach den bisherigen Erfahrungen wird bei vielen Betrieben aber deutlich, dass nicht nur die individuelle Kreditwürdigkeit, sondern auch das Branchenrisiko an Bedeutung zunehmen könnten.
Zwar ist die Kreditwirtschaft einerseits durch die Finanzkrise mehr denn je vom Vertrauen ihrer Kunden und deren Glauben an die Verlässlichkeit und Berechenbarkeit der Hausbank abhängig. Und doch zeichnen immer mehr Unternehmer andererseits ein Bild, bei dem immer häufiger genau jene Transparenz bankseitig vernachlässigt wird, die von Firmenkunden so dringend benötigt wird.
Problemkind Textilbranche
Dies gilt besonders für Branchen, die traditionell als mehr risikobehaftet gelten als andere und bei der Prüfung von Kreditanträgen durch Bankinstitute daher besonders kritisch gesehen werden. Dies trifft, wie der folgende Praxisfall zeigt, offenbar auch auf den Einzelhandel zu, der - wie es ein Bankmitarbeiter formuliert - mit "sortimentsabhängigen Defiziten sowohl beim Umsatz als auch bei der Finanzkraft" zu tun habe. Günter S. ist mit dieser Problematik seit Jahren vertraut. Als langjähriger Inhaber zweier Modegeschäfte hat er sich mittlerweile daran gewöhnt, dass sowohl seine Hausbank als auch zwei weitere Kreditinstitute, mit denen er zusammenarbeitet, der Textilbranche skeptisch gegenüberstehen. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass kurzfristige Kontoüberziehungen ebenso ungern gesehen werden wie Darlehen zur Finanzierung der Betriebsausstattung mit längeren Laufzeiten ohne erstklassige Kreditsicherheiten.
Darüber hinaus erfolgt eine aus Sicht von S. "äußerst restriktive und übertrieben genaue" Kreditüberwachung durch den zuständigen Mitarbeiter des Kreditmanagements seiner Hausbank, der bereits bei geringen Umsatzrückgängen und auch nur vorübergehenden Kontoüberziehungen telefonisch nach den Gründen fragt. Außerdem schlägt sich dieses vermeintliche Branchenrisiko auch im Zinssatz des Überziehungskredites auf seinem Geschäftskonto nieder. Die Prüfungen durch seinen Steuerberater ergeben nämlich regelmäßig, dass der Zinssatz zwischen einem und zwei Prozentpunkten über dem Durchschnitt liegt. Letztlich hält S. aber vor allem an seiner Hausbank fest, da sie ihn bisher, wenn auch unter den beschriebenen Sanktionen, finanziell immer unterstützt hat. Kreditabsagen hat er während der rund zwölfjährigen Zusammenarbeit nicht hinnehmen müssen. Klar ist aber auch, dass die Gründe der Bank für die zurückhaltende Beurteilung seiner Branche nach wie vor nicht offen kommuniziert werden. Auf mehrmaliges Nachfragen von S. und seinem Steuerberater erhielten sie lediglich ausweichende und wenig konkrete Antworten. S. geht mittlerweile sogar davon aus, dass die Bankmitarbeiter selbst nicht genau wissen, wie ihr Arbeitgeber zu derartig negativen Einschätzungen kommt.
Das Gespräch suchen
So sah S. dem kürzlich erforderlichen Kreditgespräch mit seiner Hausbank, bei dem es um die Finanzierung des Anbaus eines seiner Geschäftslokale ging, erneut mit einer gewissen Skepsis entgegen. Neben den üblichen Prognoseberechnungen im Hinblick auf Umsatz- und Ertragsentwicklungen und einer ausführlichen Darstellung seiner zukünftigen Sortimentspolitik lieferte S. eine ebenfalls sorgfältig und kaufmännisch vorsichtig durchgeführte Ermittlung seiner zukünftigen Einnahme- und Ausgabesituation. Zum ersten Mal unterfütterte der Unternehmer seine Unterlagen im Übrigen mit einer Studie des für die Region zuständigen Einzelhandelsverbandes, der ausdrücklich auf die Textilbranche einging und dieser sogar in jenen Segmenten, in denen S. tätig ist, eine "viel versprechende" Entwicklung prognostizierte. Das Gespräch lief nun eigentlich wie immer ab: Während der zuständige Bankmitarbeiter die Unterlagen von S. als "sehr aussagefähig" qualifizierte, ging er auf die Textilstudie nur am Rande ein und maß ihr lediglich "eine geringe Bedeutung" bei. Keine Erläuterung, keine Konkretisierung - es erfolgte lediglich der Hinweis, man greife selbst "auf eigene Studien" zurück. Die Quelle solcher Studien konnte (oder wollte) der Bankmitarbeiter allerdings nicht nennen.
S. erhielt schließlich die Kreditzusage, ebenfalls wie immer, mit den Auflagen einer erstklassigen Sicherheit (Grundpfandrecht) sowie eines überdurchschnittlichen Zinssatzes, der, ebenso wie gehabt, ausdrücklich auf das "Branchenrisiko" zurückgeführt wurde.
S. hat sich mittlerweile dazu entschieden, diesen Mangel an Transparenz nicht mehr hinzunehmen. Er ist nicht mehr bereit, regelmäßig höhere Zinssätze zu akzeptieren, die nicht etwa seiner wirtschaftlichen Lage, sondern einzig seiner Branche geschuldet sind. So hat S. zwischenzeitlich um ein Gespräch mit dem Kreditvorstand seiner Hausbank gebeten, an dem neben ihm und seinem Steuerberater auch der Geschäftsführer des erwähnten Einzelhandelsverbandes teilnehmen wird. Einziger Tagesordnungspunkt wird das Brachenthema sein. Weitere Schritte wird er vom Ergebnis dieses Gesprächs abhängig machen.
Michael Vetter

Checkliste So erfragen Sie Ihr Branchenrisiko
Wie der Unternehmer haben auch Sie das ungute Gefühl, allein aufgrund Ihrer Branchenzugehörigkeit höhere Zinssätze zu zahlen? Die folgenden Fragen sollten Ihnen die Bankmitarbeiter dann möglichst detailliert beantworten können:
· Wie ist die Gewichtung der jeweiligen Branche in den bankseitig angewendeten Rating- und Scoringverfahren zur Bonitätsbeurteilung?
· Welche Quellen zieht das Bankinstitut heran, um das Branchenrisiko zu definieren?
· Wie wird die Aktualität der jeweiligen Quelleninhalte sichergestellt?
· Werden auch regionale Besonderheiten der jeweiligen Branche berücksichtigt?
· Gibt es festgelegte zeitliche Abstände, in denen Branchenbeurteilungen einer grundsätzlichen Überprüfung unterzogen werden?
· Haben veränderte Branchenbeurteilungen Einfluss auf bestehende Kredite, etwa bei der Zinssatzhöhe?

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