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Startseite Channels Freizeit & Lifestyle 2010 4 Lieber das bekannte Unglück als das unbekannte Glück

Lieber das bekannte Unglück als das unbekannte Glück



01.04.2010

Wir beeinflussen unsere Gewohnheiten, und unsere Gewohnheiten beeinflussen uns. Nichts hasst das menschliche Gehirn mehr als Veränderungen. Sogar wenn der augenblickliche Zustand subjektiv als unangenehm empfunden wird - noch unangenehmer erscheint die Alternative, das eingefahrene System zu verändern. Nicht umsonst spricht man von der Macht der Gewohnheit. Scheinbar in Schockstarre verharrt man im negativen Verhalten, oft wider besseres Wissen. Dabei ist es ganz einfach, eingefahrene negative Verhaltensmuster zu verändern. Dazu muss man allerdings folgendes beachten:
Das Gehirn macht nichts lieber, als Routinen herzustellen. Denn dann hat es mehr Kapazitäten frei für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. Wenn Sie vor jeder Tasse erneut die Fragen klären müssten: "Trinke ich meinen Kaffee lieber mit oder ohne Zucker?" ginge sicherlich viel wertvolle Arbeitszeit verloren. Darum schleifen sich viele Verhaltensmuster ein, manchmal schneller als uns lieb ist. In der Verhaltensbiologie nennt man das die Klassische Konditionierung, bekannt geworden durch den russischen Mediziner, Physiologen und Nobelpreisträger Iwan Petrowitsch Pawlow. In einem weltweit bekannt gewordenen Experiment verband er zwei Ereignisse miteinander, die zunächst völlig unabhängig voneinander waren: Jedes Mal, wenn er seinem Hund das Fressen vorsetzte, läutete er gleichzeitig eine Glocke. Schon nach 10 Versuchen brauchte er nur die Glocke zu läuten, und schon fing der Hund an, Magensäfte und sichtbar mehr Speichel zu produzieren - auch wenn gar kein Fressen angeboten wurde.
Die traurige Wahrheit: Das funktioniert bei uns auch. Das Telefon klingelt, und synchron greift die eine Hand zum Hörer, die andere zur Zigarettenschachtel. Der Spielfilm beginnt, und fast automatisch beginnen die Kauwerkzeuge zu mahlen und vernichten unreflektiert Chips, Popcorn oder Nüsse. Aber auch bei noch viel komplexeren Verhaltensmustern mischt die Macht der Gewohnheit unbemerkt aber höchst effektiv mit.
Dabei wäre es ganz einfach, eingefahrene Verhaltensmuster zu durchbrechen. Das Geheimnis lautet: Vier Wochen bewusst und diszipliniert eine Veränderung herbei führen. Danach hat sich das Verhalten geändert, und nun wird die neue Routine ausgeführt, ohne dass wir uns selbst noch darum kümmern müssen. Was viele Menschen nicht wissen: Die überwiegende Mehrheit der Entscheidungen und Handlungsantriebe bestimmt nämlich nicht das Bewusstsein, sondern das Unterbewusstsein.
Das folgende Experiment kennen viele Leser aus eigener Erfahrung: Wenn man früher seinen Kaffee oder Tee immer mit Zucker getrunken hat, mag man sich die Veränderung, den Kaffee jetzt ohne Zucker zu trinken, kaum vorstellen. Wenn man nun aber seinen pawlowschen Schweinehund vier Wochen lang überwindet und den Kaffee ohne Zucker trinkt, wissen Sie genau was dann passiert: Wenn Sie jetzt aus Versehen einen Schluck aus einer Tasse mit Zucker erwischen, spucken Sie den Kaffee angewidert wieder aus. Das Verhaltensmuster hat sich geändert.
Das funktioniert im Kleinen wie im Großen. Ansonsten durchaus kultivierte Ehepaare verfallen über die Jahre hinweg oft unbemerkt in negative Verhaltensmuster. In den anfänglichen Werbewochen ist die Stimmungslage hoch, die Stimmlage ist tief, und die Tiernamen sind klein. Nach 10 Jahren Ehe aber ist die Stimmungslage oft tief, die Stimmlage dagegen hoch und die Tiernamen sind groß. Wie sagte neulich einer meiner Patienten äußerst treffend: "In Gesellschaft erkenne ich meine Frau immer nicht wieder! Zuhause ist Ihre Stimme schrill, auswärts ist das Sprachmuster dagegen durchaus angenehm".
Wichtig ist es zunächst, negative Verhaltensmuster zu erkennen, um sie zu verändern. Dann folgt die vierwöchige bewusste Phase der Verhaltensänderung. Danach führen Sie unbewusst das nun bessere Programm aus.
Kontrollieren Sie Ihr Verhalten Ihrer Gesundheit gegenüber! Kontrollieren Sie Ihr Verhalten Ihren Mitmenschen gegenüber! Ideal wäre es, wenn sich jeder nach einem Treffen mit Ihnen immer ein bisschen besser fühlt als vorher. Das wirkt Wunder - auch in einer Partnerschaft. So wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück. Meine Frau behandele ich immer wie eine Prinzessin - denn nur dann kann ich Prinz sein. Dann halten die Werbewochen Jahrzehnte lang an. Wenn jedoch die vielen kleinen Aufmerksamkeiten weder erkannt noch erwidert werden, dann sollte man keine toten Kilometer laufen. Denn ganz sicher wartet noch irgendwo das unbekannte Glück.
Dr. Michael Spitzbart


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